Stand der Arbeit

Jahreswechsel – und damit höchste Zeit nach einem Dreivierteljahr die Arbeit als Stadtteilhistoriker einer vorläufigen Bilanz zu unterziehen. Noch bleibt ein weiteres halbes Jahr, aber das Projekt wird auch dann nicht beendet sein. Zu groß ist die Aufgabe, zu viele Schicksale müssen recherchiert werden und viele hundert Akten müssen noch durchgearbeitet werden.

Als ich vor gut zwei Jahren mit der Arbeit zu den Judenhäusern in Wiesbaden begann, schien mir die Aufgabe noch überschaubar. Ich ahnte noch nicht, in welche neuen Fragestellungen und Untersuchungsbereiche ich mich als jemand, der sich als ehemaliger Geschichtslehrer mit der Geschichte des Nationalsozialismus doch leidlich auskennt, würde einarbeiten müssen. Das was einmal als ein Stück Alltagsgeschichte des NS-Staates angedacht war – wie lebten die jüdischen Mitbürger in diesen Ghettohäusern zusammen, mit welchen alltäglichen Anfeindungen mussten sie umgehen, welche Bedeutung hatten die Häuser im Hinblick auf die organisierte Deportation und Vernichtung -, hat sich ausgewachsen zu einer lokalhistorischen Studie, in der rechtsgeschichtliche oder sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Aspekte bald eine gleichermaßen große Bedeutung erlangten. Auch dieser Willkürstaat gab sich einen rechtlichen Rahmen, der allerdings nicht starr war, sondern eher als ein dynamisches Kraftfeld angesehen werden muss, in dem die verschiedensten Akteure – staatliche Behörden, Parteiinstitutionen und -persönlichkeiten auf der einen, jüdische Einrichtungen und Individuen auf der anderen Seite – miteinander, aber jeweils auch gegeneinander um Positionen, Macht und Vorteile kämpften. Auf der Seite der jüdischen Akteure ging es allerdings letztlich zumeist nur um das nackte Überleben, allzu oft gelang selbst das nicht. „Stand der Arbeit“ weiterlesen

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Die „Judenhäuser“ in Wiesbaden – Ghettoisierung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung 1939 bis 1942

Dieses Thema wird erarbeitet im Rahmen der StadtteilHistoriker Wiesbaden, einem Projekt der Bürgerstiftung Die Wiesbaden Stiftung.

Die Zwangseinweisung der jüdischen Bevölkerung nach der Reichspogromnacht 1938 in vielen deutschen Städten in sogenannte Judenhäuser scheint angesichts des monströsen Grauens des Holocaust selbst nur eine Marginalie der jüdischen Leidensgeschichte zu sein. Wie aus vielen Selbstzeugnissen von Betroffenen aus anderen Städten hervorgeht, war die Vertreibung aus der angestammten Wohnung, dem eigenen Haus jedoch eine ganz entscheidende Zäsur auf dem Weg zur Vernichtung, denn damit ging auch der letzte Schutzraum und die materielle Basis eigener Identität und Lebensgeschichte verloren. Tagebücher (z. B. Victor Klemperer) und andere Zeitzeugenberichte geben Auskunft über die Leiden und Nöte, die vielerorts mit der neuen Wohnsituation verbunden waren. Für die Wiesbadener Judenhäuser sind allerdings solche authentischen Zeugnisse nur sehr sporadisch vorhanden.

Es geht aber nicht nur darum, diesem Leid, wie es sich im konkreten Alltag der Bewohner solcher Häuser auch in Wiesbaden widerspiegelt, nachzuspüren, den Opfern eine Stimme zu geben, sondern darüber hinaus sollen wesentliche Strukturen der nationalsozialistischen Herrschaft in nuce analysiert und beschrieben werden. Anders als zu Beginn der historischen Erforschung des NS-Staates, in der dieser zunächst weitgehend als monolithisch und hierarchisch strukturiertes Machtgebilde gesehen wurde, sind gerade durch die lokalgeschichtliche Forschung die vielfältigen Bruchlinien, die immanenten Widersprüche in diesem System zum Vorschein gekommen. „Die „Judenhäuser“ in Wiesbaden – Ghettoisierung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung 1939 bis 1942″ weiterlesen